Geht alles gar nicht! – Autorenlesung und Diskussion

Für die meisten Paare mit Kindern ist es Alltag und Anspruch zugleich: gute und verständnisvolle Eltern zu sein, beruflich engagiert, dazu liebende Partner, die alle Aufgaben teilen. Alles etwas anstrengend, aber am Ende klappt es doch irgendwie. Oder? Die Autoren Marc Brost und Heinrich Wefing sagen: Es klappt eben nicht. Mütter und Väter sind meist erschöpft und müde und einfach erledigt, haben ständig das Gefühl, zu wenig Zeit für alles zu haben: für die Kinder, für den Job, für die Beziehung, für sich selbst. Trotzdem versuchen alle, die Fiktion aufrechtzuerhalten, es irgendwie hinzubekommen. Und so kann man nicht einmal über die Überforderung reden.

Das Buch „Geht alles gar nicht“, spricht von den Sorgen und Nöten der ersten Generation, die Gleichberechtigung zu leben versucht. Von den Vätern, für die die bequemen Rollenmodelle der Vergangenheit ausgedient haben. Und es untersucht die gesellschaftlichen Entwicklungen, die zur Überforderung beitragen. Welche Rolle spielen dabei die Erwartungen, die wir an uns selbst haben? Was bedeutet das alles für die Geschlechterdebatte? Und lassen sich die Probleme politisch überhaupt lösen?

Wir haben im November 2016 einen der Autoren, Marc Brost (Leiter des Hauptstadtbüros „DIE ZEIT“), eingeladen in Erlangen aus seinem Buch zu lesen und anschließend „am Küchentisch“ mit Experten zu diskutieren. Dabei waren neben Marc Brost, Familienforscherin Prof. Dr. Johanna Possinger (EH Ludwigsburg), „Männerbeauftragter“ aus Nürnberg, Matthias Becker und Dr. Mathias Schäfer, Geschäftsführer der Fingerhaus GmbH, die für ihre väterfreundliche Personalpolitik ausgezeichnet wurde.

Überforderte Generation

„Sind wir gerne Väter? Ja, absolut, von ganzem Herzen. Arbeiten wir gerne in unserem Beruf? Ja, leidenschaftlich gerne. Und, geht beides zusammen? Wir sind ja prima organisiert, im Job und zu Hause, wir sind diszipliniert, wir wollen, dass alles klappt. Also klappt es irgendwie. Die Wahrheit ist: es ist die Hölle“. Die Generation zwischen 25 und 40 Jahren, in der „Rushhour des Lebens“, sei überfordert, betonte Brost. Sie versuchen, Gleichberechtigung zu leben und den Spagat zwischen Partnerschaft, Kinder, Festanstellung, Sparen, Wohnen und Pflege zu schaffen.

Zeit genauso wichtig wie Geld

In seinen Beratungen erlebt Matthias Becker immer wieder, dass Zeit für die Väter genauso wichtig ist wie Geld. Der Männerbeauftragte der Stadt Nürnberg hält eine Bewusstseinsänderung für nötig. Viele Firmen wollen Fachkräfte halten und bieten auch Männern Teilzeitstellen an. Auch Prof. Dr. Johanna Possinger sieht die Betriebskultur als Knackpunkt an. „Da noch traditionelle Präsenzkulturen vorherrschen, muss ein dickes Brett gebohrt werden, um die Vereinbarkeit von Vaterschaft und Beruf zu fördern“, meinte die Familienforscherin. „In der Baubranche ist es nicht mehr leicht, Fachpersonal zu bekommen“, berichtete Geschäftsführer Dr. Mathias Schäfer aus der Praxis. Die pragmatische Konsequenz sei, jungen Vätern entgegenzukommen, beispielsweise durch heimatnahe Montage oder eine Vier-Tage-Woche. „Wenn es die Familiensituation erfordert, ermöglichen wir auch Wechsel zwischen Produktion, Montage oder Schichten. Es geht darum, Offenheit für individuelle Lösungen zu zeigen“, sagte Schäfer.

Widersprüchliche Familienpolitik

Auf die Frage des Moderators Markus Hladik, ob es die so genannten „neuen Väter“ wirklich gäbe, wies Familienforscherin Possinger auf einen Einstellungswandel bei Männern hin. Umfragen zeigen, dass sich Väter heute mehr Zeit mit ihren Kindern wünschen und gerne in vollzeitnaher Teilzeit arbeiten würden. Im Familienalltag beobachtet Possinger jedoch eine „Retraditionalisierung der Arbeitsteilung“. Die meisten Männer konzentrierten sich auf den Job, die meisten Frauen auf die Familie. „Elternzeit und Elterngeld werden von den Männern genutzt, jedoch zu 80 Prozent nur für zwei Monate. Danach bricht das Engagement wieder ab“, sagte die Familienforscherin. „Extrem widersprüchlich“, findet sie die aktuelle Familienpolitik. Einerseits gebe es Instrumente wie das Elterngeld, welche das Väterengagement steigern sollen, andererseits gebe es historisch gewachsene Instrumente, die das Gegenteil bewirken, wie das Ehegattensplitting, welches das alte Ernährermodell begünstige.

Mut zu mehr Ehrlichkeit

Damit auch Väter Beruf und Familie in einer auf positive Außendarstellung und Perfektionismus getrimmten Gesellschaft vereinen können, plädiert Marc Brost für Ehrlichkeit. „Männer tragen das Herz nicht auf der Zunge. Wir Väter müssen uns in die Augen schauen und uns gegenseitig ermutigen!“, forderte er. “Wir sind Pioniere auf Neuland, wenn wir Pionierarbeit leisten kann sich die Situation für unsere Kinder verbessern!“

Buchtipp:

Geht alles gar nicht – warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können. Marc Brost/Heinrich Wefing, Rowolt-Verlag, 2015

Wie am heimischen Küchentisch diskutierten Moderator Markus Hladik, Familienforscherin Prof. Dr. Johanna Possinger, der „Männerbeauftragte“ der Stadt Nürnberg, Matthias Becker, Dr. Mathias Schäfer, Geschäftsführer der Firma FingerHaus aus Frankenberg mit Marc Brost, Buchautor und „DIE ZEIT“-Hauptstadtbüroleiter (v.l.n.r.)